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In dem Buch „Phantom Avantgarde“ (Edition Nautilus) von Roberto Ohrt findet sich ein richtungsweisendes Foto: Eine schäbige, schwarze Wand in der Pariser Rue de Seine.  Darauf in großen Lettern eine Parole, im Jahre 1953 von Guy Debord an eben diese Wand notiert, im Grunde sein ganzes Programm: „Ne travaillez jamais!“ – Nie mehr arbeiten!

Als Debord diese Parole ersann, hatte er gerade mit seinem Nicht-Film „Geheul von Sade“ - einer Ton-Collage aus entwendeten Zitaten, unterbrochen von langen Passagen irritierenden Schweigens -  jede Menge Zuschauer provoziert. Debord trieb sich damals schon lange mit den verrückten Lettristen des Rumänen Jean Isidore Goldstein, besser bekannt als: „Isidor Isou“, herum, mit Leuten also, die nicht nur als eine Mélange aus Punk und Hippie, mit bunten Haaren und bemalten Hosen, auf den Pariser Straßen herumliefen und eine „Lettristische Revolution“ der Ästhetik propagierten, sondern auch höchst eigenartige „Sabotageakte“ planten und durchführten: Während der Ostermesse des Jahres 1950 hatten sie bspw. die Kirche „Notre-Dame de Paris“ überfallen, um daselbst den „Tod Gottes“ zu verkünden – was heute durchaus an die Aktionen von „Pussy Riot“ erinnert.

Auflösung und Neuschöpfung, das war der universelle Auftrag der Lettristen! Worte galten ihnen deshalb: Nichts! Die Lettristen demontierten und zerlegten sie und schufen aus den so gewonnenen singulären Buchstaben, den „Lettres“ also, neue Lautgebilde à la mode: „koum ba kim pi ki ta ra ta ta“ - Silben, Ton- und Klangschöpfungen, die nicht länger im Dienste der Herrschaften stehen konnten, die Worte und Sätze ohnehin nur für ihre manipulierenden Zwecke missbrauchten.
(aus: Detlef Berentzen, "Der Geschmack radikaler Lust", HörfunkFeature, SWR, NDR, BR, WDR)

Manuskript (SWR2)