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Signierstunde

 

Herr P. sitzt an einem Tisch, in einer Akademie vielleicht, samt Mikrophon, den schwarzen Montblanc in der Hand und er lächelt. Immer wieder schaut er freundlich, wenn er den schweren Kopf hebt und aus seinem Cordanzug heraus in eines der vielen neugierigen Gesichter schaut: Signierstunde. Die Gesichter haben lange gewartet, haben große Augen, nun erzählen sie, eines nach dem anderen, wie sehr sie ihn und überhaupt.

Herr P. leiht allen sein Ohr, lauscht interessiert, bemerkt dies und das und kennt so manchen. Dann nimmt er das Buch, das man ihm reicht, hat lang daran geschrieben, alle Seiten schwer beatmet, schlägt es auf und setzt die Feder in Bewegung. Fährt mit ihr auf und ab, ganz ruhig, ein letzter Strich, er schließt das Buch, sein Kopf hebt sich wieder und die alten Augen glitzern vor Glück.

Die ganze Zeit sitzt das Kind, das er einst war, neben ihm auf einem Schemel - ein hungriger Knabe mit großen, wachen Augen, ein Kriegskind, das nicht lacht, wütend schaut, ein wenig mit den Beinen zappelt und nach seiner Melodie sucht. Es wird Schubert und die Winterreise finden. Bis es soweit ist, hält es seinen alten, abgeschabten Koffer mit den letzten Habseligkeiten fest auf dem Schoss. Herr P. träumt sich einen kurzen Moment zur Seite, spürt seine Herzwand und flüstert kleine tröstende Worte. Dann lächelt er wieder: Der Nächste bitte! Das Publikum ist begeistert.

 

 

Anmerkung in eigener Sache
Ich bin umgezogen. Die Fortsetzung dieser Seiten finden Sie auf http://www.dberentzen.eu
(Stand November 2018)