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Nachdenken über Deutschland

Ach, wir alle sind, hie wie dort, verdammte Verdrängungskünstler. Wehe, wir schaffen es! Dann werden uns wieder die Taten und Untaten von ehedem verfolgen, werden Halbwahrheiten und Verdächtigungen in unsere Zukunft hineinwirken und sie entstellen. Derzeit scheint es so, als ob die westlichen Demokratien die beste Antwort auf die Fragen der Zukunft finden könnten. Sie bieten Erfolg, Konsum, eine momentanes Fortkommen an – doch sie dürften ratlos reagieren, wenn die armen Völker ihren Teil beanspruchen, wenn die Fundamentalisten die individuellen Freiheiten für eine Obszönität halten, wenn die Reichen aus Angst und Überlebeneifer die Erde und die Atmosphhäre noch weiter vergiften, wenn die Gifte unsere Leiber blähen und uns die Luft ausgehen wird. So weit ist es nicht mehr bis dahin. Die Völkerwanderung hat längst begonnen. Sie verwischt Identitäten und läßt sie umso schmerzlicher spürbar werden. Die Fremde wird zum Lebenszustand.
(Peter Härtling, „Nachdenken über Deutschland“, Diskussionsveranstaltung in der Akademie der Künste, 4. März 1990)