Sie sind hier: Intro » Bücher » Hermann

Der Roman des Autors veranstaltet einen Gang durch die deutschen Lebenswelten der zurückliegenden fünf Jahrzehnte. Berentzen schreibt die Biographie des Hermann als eine Figur jenes Halbjahrhunderts, das er selbst als Kind der 50er Jahre, als Jugendlicher in den wilden 60ern, als Aktivist, Wohngemeinschaftler und Publizist der 70er und 80er, als Autor der 90er Jahre erlebt und als lebendiger Zeitgenosse mitgestaltet hat. Man wird seinen Helden Hermann – der versucht, kein Held zu sein, nie zu werden – lieben und mit ihm vieles erinnern, was kaum noch wahr scheint, aber trotzdem noch umso wirksamer ist!"(Verlagstext: "Hermann - Erinnerungen eines Nachkriegsgeborenen")


Aufruhr
Die Requisiten wurden als Fetische ausgegeben. Ein Kinderroller aus der Ära des Wirtschaftswunders gehörte dazu, und ein Plattenspieler von Dual. Zu der Zeit, als dieses Gerät ein bundesrepublikanischer Ausstattungs-Höhepunkt und sowieso ein Jugendtraum war, lebte der Psychologe und Autor Detlef Berentzen im Dunstkreis der Haschrebellen in Berlin. Seine Erfahrungen in der Revolte machte der gebürtige Bielefelder des Jahrgangs 1952 zum Gegenstand eines - soeben im Axel-Dielmann-Verlag erschienenen - Romans mit dem prosaischen Titel Hermann.
Berentzen stellte das Buch im Frankfurter Café Ypsilon vor, eingeführt und unterstützt von seinem Verleger, der Platten auflegte, die das Lebensgefühl des Künstlers als junger Mann illustrierten. Rio Reiser war zu hören, The Who mit My Generation und Wolf Biermann. Im Roman ist ferner die Rede von Dylan und den Stones. Berentzen verstand es wunderbar, die Medien aufeinander abzustimmen. Er trat barock auf. Sein Vortrag war hoch professionell. Zu spüren war die Freude des Autors an seiner Arbeit.
Freudlos indes ist Hermanns Kindheit und Jugend. Sein Teddybär hat einen Arm im Krieg verloren. Auch Hermann steckt der Krieg in den Knochen: Es sind die Erfahrungen seiner Eltern, die ihn zermürben. Der Vater zockt, säuft und prügelt. Er riecht schlecht, wenn er nachts heim kommt. Die Mutter flennt in der Küche. Diesem Milieu entweicht Hermann so schnell er kann. Wie Tausende seiner Generation erfasst ihn der "Geist des Aufruhrs" in Berlin. Hermann entdeckt dort seine pädagogischen Potentiale in der Kinderladenbewegung.
Berentzen erzählte seine Geschichte im Stil der oral history so kurzweilig, dass das Vergnügen der Zuhörer über die lange Strecke von neunzig Minuten ungetrübt blieb.
Frankfurter Rundschau, 7. Dezember 2002
 


Bossanova in der Frontstadt
Detlef Berentzen stellte sein Buch "Hermann" vor

Im literarischen Salon von Britta Gansebohm wurde am Mittwoch gegluckst und gekichert, was nicht auf den Gratissekt des im Frühjahr zehn Jahre alt werdenden Frankfurter Dielmann Verlages, sondern auf die Lesung mit Musik zurückzuführen war. Detlef Berentzen, als Journalist für Zeitungen und vor allem Radio bekannt geworden, stellte seinen ersten Roman vor: "Hermann". Wieder ein Buch über das Lebensgefühl einer Generation. Aber Berentzen sagt nicht "wir", sondern erzählt: Anfang der fünfziger Jahre wird Hermann in eine Kleinbürgerfamilie geboren und besucht eine Schule, in der Lehrer Ohrfeigen verteilen. Manchmal zu reichlich. Hermanns Eltern marschieren zur Schule und bringen gute Nachrichten nach Hause: "Der Rektor hat sich bei uns entschuldigt! Der Krieg, weißt du! Dein Lehrer ist nervös!" Hermann lernt, "dass wer im Krieg war und nervös ist, Kinder schlagen muss".

Detlef Berentzen ist ein geübter Sprecher und hat viel von der Kürze der Radiosätze in seinen Roman getragen. Und er hat an diesem Abend ausgesprochen gute Laune. Weil er die Geschichte des Sohnes eines Schokoladenherstellers erzählt, schickt er einen Kasten mit Schokolade durch die Reihen, dabei muss das Publikum gar nicht bestochen werden. Berentzen klingt, als erzähle er aus seiner eigenen Jugend. Wie er mit dem Arm ausholt, sich durchs Haar fährt, in die Reihen blinzelt und sich erinnert, werden Stellen lustig, über die man beim Lesen kaum lauthals lachte, wenn nämlich beispielsweise der kleine Herr Beckmann den Nachbarn sein neues Auto zeigt, und sie die hellblaue, rundliche Isetta bestaunen: die Tür vorne und "glatte 35 Kilometer in der Stunde"!

Berentzens Erinnerungen sind nicht an Marken aufgehängt. Sie kommen zwar vor, die "Gute Butter!" und die Maggi-Suppen und mehr aus dem Warenkorb der Wirtschaftswunderzeit, aber die Atmosphäre entsteht aus der Sicht eines Kindes, das sich für Marken nur interessiert, wenn die Erwachsenen darüber sprechen. Hermann beeindruckt anderes: "Unheimlich wurde ihm, wenn auf dem Bürgersteig einer dieser seltsamen Männer ohne Beine heranfuhr. In einem handgetriebenen Holzrollstuhl mit Fahrradreifen an der Seite. Und stehenblieb, rasselnd keuchte und seine immergleiche Frage stellte. Hamse nich’n paar Pfennige für mich?" Auch der Vater zeigt seine Narbe. Der Krieg lässt niemanden so schnell los, der Vater wird Alkoholiker, die Schüler eignen sich Redewendungen an, etwa wenn sie "bis zur Vergasung" Vokabeln lernen.

Das Schokoladengeschäft vom Vater schnurrt, aber zwischen den Generationen knirscht es. Hermann stellt seinem Vater Fragen nach dem Russlandfeldzug. Der fühlt sich ungerecht behandelt und wütet. Hermann zieht aus dem westdeutschen Industriegebiet nach Berlin und verlebt in der "Frontstadt" eine aufregende Jugend.

Einer der Anlässe für Berentzen, dieses Buch zu schreiben, war der öffentliche Streit um die Vergangenheit von Joschka Fischer. Die Kindheit und Jugend dieser Generation war von Gewalt in Elternhaus und Schule geprägt, und jugendliche Demonstranten mussten sich die Bemerkungen von Veteranen anhören: "Abschaum! Die gehören doch ins Arbeitslager! Vergasen müsste man das Pack!"

Berentzens Ironie hilft über die Jammertäler hinweg, die Kapitel seines Buches sind mit Liedern betitelt, und in der Lesung legt Verleger Axel Dielmann Platten auf, manchmal singt Berentzen mit: was die Eltern im Radio hörten: "Schuld war nur der Bossanova"; das Lied aus seiner Jugend in Berlin: den "Kreuzberger Walzer" von Klaus Hoffmann; eine Ballade von Rio Reiser. Nicht nur ein paar nickende Grauköpfe amüsieren sich, aber denen beim Erinnern zuzugucken, macht noch mehr Spaß - und dieses Buch glaubwürdig.

Martin Z. Schröder, Berliner Zeitung

 

 

Heimatdichter

Gaskesselheimat: So nennt der Journalist und ehemalige Geschäfstführer der "taz" Detlef Berentzen seine Heimatstadt Bielefeld in seinem Buch "Hermann" - das Porträt einer Generation mit dem Soudtrack von Rudi Schuricke bis Rio Reiser. Den legte seine Verleger Axel Dielmann kürzlich im Bunker Ulmenwallauf, als der Autor dort las. Von Nachkriegskindheit, Schuldgefühlen, dumpfer Wirtschaftswunderzeit, bunter Rebellion und antiautoritärem Berliner Aufbruch. Ein bewegendes Buch, das souverän die Balance zwischen alternativen Abziehbildern und treffsicherer Zeitgenossenschaft hält. Lesen!
(Der Bielefelder, März 2003)

 

Kritisch und unterhaltsam


eine exzellente darstellung deutschen lebens und jüngster deutscher geschichte. selbst für mich als österreicher ist manches vertraut und alles andere gut nachvollziehbar. dazu ist das buch in einem stil geschrieben, der das lesen zur freude macht. ein buch, das ich guten freunden jederzeit gerne schenken würde. mit kritischem blick und doch unterhaltsam. dabei frei von oberflächlicher effekthascherei einerseits und trister schwere andereseits. das buch hebt sich so wohltuend von allem anderen ab, was derzeit an deutschsprachiger literatur produziert wird, daß ich unbesehen jeden weiteren roman von detlef berentzen sofort kaufen würde, wenn es schon einen gäbe. mit hermann jedenfalls ist berentzen für mich die interessanteste entdeckung der letzten jahre. (Michael Schmid, Wien, amazon.de)


Hermann

Eigentlich heißt er ja nicht Hermann - sondern Detlef Berentzen. Aber der gebürtige Bielefelder, den es in den 70ern nach Berlin verschlug, der es bis zur Geschäftsleitung der TAZ brachte und nach einer Karriere als freier Journalist nun seinen ersten Roman schrieb, macht uns eben den Hermann. Als Zeitzeugen der letzten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Keine Autobigrafie, eher ein Generationen-Porträt, wo vorne der vater an Kriegserlebnissen leidet und hinten die Hauptperson verzückt am schwangeren Bauch ihrer Freundin horcht. Dazwischen gibt es etwas Kitsch, aber viele genaue Beobachtungen über rote Kinderläden damals und blaue Punks heute, die mit Zitaten aus der Generation X um Geld betteln.
(Ultimo,Bielefelds Stadtillustrierte,Nr. 2-3/03)


Leseerfahrungen einer Blondine

Ich lese Hermann mit viel Gänsehäuten, Ahs und Ohs, Genau!, Oh Gott, Schmunzeln, Kopfschütteln und BEGEISTERUNG!! Volltreffer!
Da das Brot des Künstlers jedoch nicht nur die €s sind, sondern auch der Beifall der begeisterten Fans, möchte ich dir diesen auf eben diesem Wege auch zukommen lassen.
P.S. Verzeih die etwas ungelenke Sprache, ich bin blond!
Gruß Gisela.