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SWR2
"Wissen"
Freitag, 2. Juni 2017
8.30 Uhr
Red. Udo Zindel

Die Erschießung Benno Ohnesorgs
am 2. Juni 1967

Von Detlef Berentzen

Er war 26 Jahre alt. Studierte Germanistik. Ein Berliner Student. Einer von vielen, der mit den kalten Autoritäten der 1960er-Jahre haderte und schon mal gegen deren Politik auf die Straße ging - auch am 2. Juni 1967.
Benno Ohnesorg protestiert mit anderen vor der Deutschen Oper gegen den Besuch des persischen Diktators Reza Pahlavi. Und wird von dem Polizisten (und Stasi-Spitzel) Karl-Heinz Kurras erschossen. Jede Menge rasch produzierte "alternative Fakten" verhindern die Aufklärung der Tat und die Verurteilung des Täters - ein Fanal für die Radikalisierung der studentischen Protestbewegung.

 

 

 


Joern Schlund
9. Juli 1934 (Dresden) - 1. Februar 2017 (Münster)

Nenn mich einfach Schlund!, hast Du mal vor Jahrzehnten zu mir gesagt. Und dann dieser Anruf, dass es mit Dir zu Ende geht. Das musste ein Versehen sein: Du doch nicht! Mit all deinen Farben, den verrückten Ideen, mit Deiner leuchtenden Wut, deinem wüsten Lachen und deiner unendlichen Zärtlichkeit. Wie oft hast Du all das auf Leinwänden ausgestellt, hast uns staunen gemacht, liebevoll provoziert und in den Arm genommen - ein Eigensinniger warst du. Kamst aus Kinder- und Trümmerlandschaften, warst in einer Zeit Kind, als Kienzle deutschen Klang für deutsche Uhren produzierte und der Volksempfänger mit schwülstigen Sprüchen für die Liebe zur deutschen Heimat warb. Da warst du ein deutsches Kind.
Und warst im Grunde immer Kind, weil man zum Kinde doch erst reifen muss. Ein malendes Kind warst du, ein altes Kind, das Zimmer vollgestellt mit Leinwänden, auf die Tische, Stühle, Spielzeuge, Dreifaltigkeiten, Blätter, Kreuze, Frauen, Roller, Hosen, Schuhe, Leitern gemalt waren. Eben alles, was man so braucht. Ein gebrauchter Maler warst du, aber noch viel mehr ein gebrauchter Freund - auch ein gebrauchter Vater und Ehemann.

Immer, wenn sie das wie einen Stich tief im Herzen spürte, nahm seine viel zu große Frau, nennen wir sie Hiltrud, den kleinen Schlund, er war ja wirklich etwas kurz geraten, in die starken Arme und sagte vielleicht liebevoll: „Altes Schwein!“ zu ihm. Vielleicht sagte sie das auch nicht. Wahrscheinlich nicht und niemals. Aber er hätte das gern gehört, genau wie der alte Erich Fried, mit dem er oft genug unterwegs war. Für den und mit dem hat er nämlich Zeichen aufs Papier gesetzt. Damals in London. Als der Fried noch lebte und der Schlund noch rauchte. Später rauchten Schlunds wie er nicht mehr, nie mehr, nur noch ab und zu und nur noch die eine, die letzte. Schlunds gehören zu einer Spezies, an der das wilde Leben hängt und nie mehr loslässt. Selbst, wenn sie irgendwann im Rollstuhl sitzen.

 


 

„Mach Dir meine Erinnerungen selber. Aber so, dass die Funken sprühen“, hast du gelacht, als ich vor mehr als einem Dutzend Jahren ein Buch über dich schrieb, hast noch ein paar letzte Fakten auf den Tisch geworfen und musstest dann schon wieder weiter. Also erfand ich mir schreibend meinen Schlund. Auch. Und spürte dabei, was ihn bewegt. Schließlich waren da seine Bilder, die Zeichnungen, die Bücher, die Materialien. Auch die erzählten. Von einem Leben, in dem einer suchte und manchmal auch fand, immer wieder fand. Auch Farben. Auch.
Einer wie er, schritt durch dunkle Täler,  fand Atem auf lichten Höhen, fiel hin, stand wieder auf, ein kleingeratener alter Wilder, der bis zuletzt die Welt kommentierte und seinen aufrechten Gang bewahrte - in jedem Bild, in jeder Zeichnung, jeder Collage. Schlund war einer, zu dem ich Du sagen konnte. Er war mein Freund!

Aber: Hey, Mann, so einer wie Du verschwindet doch nicht einfach in den Schatten! Nicht nach all unseren Suchen, Versuchen und den langen Nächten voll von Worten und Bildern. Hast das Leben bis an den Rand gelebt – immer wieder neu. Und doch. Es ist vorbei, kein Atem mehr, die Kerze flackert, du mit der grauen Schiebermütze auf dem Kopf, einem roten Schal um den Hals, der dich wärmt und diesem ganz kleinen verschmitzten Lachen im Gesicht.
Eben das bleibt. Und mehr. Immer noch lässt Du die Farben leuchten. Bewohnst Deine Bilder. Wer dich sucht, findet dich genau dort. Heute schon. Und morgen wieder.