Und rief ihm nach....

Herr P. sitzt – in der Akademie vielleicht – auf einer Bühne, an einem weißen Resopaltisch, auf einem gepolsterten Stuhl, den schwarzen Federhalter in der gebrauchten Hand und lächelt. Warm ist dieses Lächeln. Und schafft Kontakt. Immer schaut er freundlich, wenn er den alten Kopf hebt, schaut aus seinem Cordanzug hinauf in ein fremdes Gesicht. Das fremde Gesicht erzählt, macht sich bekannt, hat ihn gelesen. Herr P. legt den Kopf ein wenig schief, hört geduldig zu, nickt, baut eigene Sätze, staunt mitunter: „Ach!“, nimmt später das Buch, das ihm der Leser reicht, schlägt es auf und setzt die glänzende Feder des Montblanc in Bewegung. Fährt auf und ab, ganz ruhig, ein letzter Schwung, sein Kopf hebt sich, freundlich wieder und fast zärtlich haucht er ein „Danke“....

Immer noch unvorstellbar, ihn so nicht mehr erleben zu können. Er ist gegangen, lebt fort in einem größeren Gedächtnis. Wir waren ziemlich lange miteinander unterwegs, sind uns begegnet, nahe, näher gekommen. Da waren diese Biographie für KiWi, die vielen Hörfunksendungen und immer wieder neue Begegnungen mit Peter Härtling, auch mit seiner Frau Mechthild und die Einsichten in das Leben eines ehemaligen Flüchtlingskinds, das sein Schreiben so nötig wie den Atem braucht: "Vielleicht ein Narr wie ich - Narren sind immer gleich und wunderlich und immer reich".
So einem wunderlichen Narren wollte ich nachspüren, lernte seine Empörungen, seine Ängste, sein Staunen, seine Neugier, sein wunderbares Lachen kennen. Gerade noch waren wir im Juni verabredet, die närrische Biographie von 2006 zu aktualisieren, ihr neue Form und Inhalt zu geben, hatten uns Zeit reserviert, kostbare Lebenszeit, da bahnte sich das Ende an. Für einen, der all die Anfänge seines Lebens so sehr geliebt hat. In den frühen Stunden des 10. Juli 2017 ist Peter Härtling gestorben. Ich wünsche seiner Familie, seiner geliebten Frau, seinen Kindern und Enkelkindern Trost und Stärke.

 

 

Über einen, der „in Zeilen zuhaus“ ist
Das Werden und Wirken des Schriftstellers Peter Härtling

Gäbe es so etwas wie eine Überschrift über sein Leben, so müsste sie die frühe Erfahrung von „Verlust und Fremde“ beinhalten. Wo konnte er, der Flüchtlingsjunge, der bereits früh ohne Eltern und auf sich selbst gestellt war, sich geborgen fühlen, wo konnte er zuhause sein?

Traumatisiert von einer „Kriegskindheit im Dritten Reich“, gab es für ihn nur eine Möglichkeit, er beherbergte sich schon bald selbst: in seiner Sprache. Flüchtete in die eigenen Zeilen. Das Wort wurde Heimat für Härtling, in ihm konnte er ankommen, bei sich sein. Ein äußerst schwieriger Start in ein Leben, das „erzählt sein wollte“, wie der Autor des „biographischen Lesebuchs“ in seinem Prolog schreibt.

Ja, dieses Leben wollte erzählt sein. Und Detlef Berentzen hat es erzählt, genial erzählt. Hat hierfür über drei Jahre lang recherchiert, die unterschiedlichsten Dokumente zusammengetragen – Briefe, Bilder, Photographien, unveröffentlichte Aufzeichnungen – und mit denen gesprochen, „die mit ihm unterwegs waren“ oder die noch immer Wegefährten des inzwischen 73-jährigen sind. Hat die Fülle an Material ausgewertet, sie chronologisch geordnet, aneinandergereiht, montiert, miteinander verbunden.

Entstanden ist eine außergewöhnliche, attraktive, facettenreiche Biographie, die den Leser mit Hilfe einer sehr modernen, filmisch anmutenden Montagetechnik hineinnimmt in die private Welt Härtlings. Und die gleichzeitig das kulturelle und politische Leben der vergangenen sieben Jahrzehnte spiegelt. Dabei wird offensichtlich: „Verlust und Fremde“ blieben Grunderfahrungen, Härtling schrieb aber stets beharrlich und erfolgreich gegen sie an.

Drei Jahre, nachdem der Dichter selbst einen Band mit ausführlichen Erinnerungen vorgelegt hat („Leben lernen“), macht es der Journalist Berentzen dem Leser nun möglich, sich Härtling noch einmal ganz neu zu nähern: dem Künstler, dem außergewöhnlichen Poeten, sensiblen Biographen, dem vielseitigen Kinderbuchautor. Aber auch dem Menschen, dem Verletzlichen, Engagierten, dem „Suchenden, der gefunden hat. Und wieder sucht“, demjenigen, der in „Zeilen zuhaus“ ist. Ein durch seine permanenten Perspektivwechsel und seine Materialfülle ungemein informatives, eindrückliches Buch, das nicht nur Peter-Härtling-Fans unbedingt zu empfehlen ist.

Beate Kugel, „Tageblatt“/Luxemburg, Literaturbeilage Dezember 2006

 

Erlesen....

.....Und was gibt es sonst noch Neues im Bereich der sogenannten "Sekundärliteratur"? Zum Beispiel das "biographische Lesebuch" "Vielleicht ein Narr wie ich" , das Detlef Berentzen 2006 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln herausgegeben hat. Berentzen hat hier keine konventionelle Biographie geschrieben, sondern Materialien zu Leben und Werk des deutschen Schriftstellers Peter Härtling gesammelt und chronologisch geordnet. Aus der Fülle dieser Dokumente kann sich jeder Leser selbst sein Bild von diesem repräsentativen Schriftsteller der Bundesrepublik Deutschland zusammensetzen.

m Sammelband "ich habe den sechsten sinn" (Edition Art & Science, Wien 2006) geht es dagegen nicht um die Lebensumstände eines Schriftstellers, sondern einzig und allein um seine literarische Arbeit und deren Wirkung. Der schmale Band, von Klemes K. Stepina ediert, enthält die Beiträge eines Konrad-Bayer-Symposiums, das 2004 in Wien stattgefunden hat: Wissenschafter, Theaterpraktiker und Philosophen nähern sich hier dem anspruchsvollen Werk dieses Wiener Avantgardisten, der 1964 freiwillig aus dem Leben schied.

Zugegeben: Härtling und Bayer sind leichtere Gewichte als Kleist und Dante. Aber da sie unsere Zeitgenossen sind, verdienen sie ebenso sehr unser Interesse wie die altbewährten Klassiker.

Hermann Schlösser: "Kleist in Würzburg, Dante im Wald", Wiener Zeitung, 26. Jänner 2007

 

Vielleicht ein Narr wie ich
In einer modernen Form biographischen Erzählens zeichnet Detlef Berentzen ein umfassendes und facettenreiches Bild
des Schriftstellers Peter Härtling – und erzählt zugleich bundesdeutsche Geschichte.

Nürtingen 1946: Der 13-jährige Flüchtlingsjunge Peter Härtling muss nach einer traumatisierenden Kriegskindheit einen neuen Anfang versuchen. Mühsam findet der früh Verwaiste Halt und Vertraute, beginnt zu dichten, verlässt die Schule und probiert sich in verschiedenen Zeitungsredaktionen aus. Als junger Journalist und Buchautor zieht er von Nürtingen nach Köln, heiratet, geht nach Berlin und macht Ende der 60er in Frankfurt als Verlagsleiter Karriere, um nur wenig später einen weiteren Anfang zu wagen: als freier Autor, der zum beliebten und vielfach ausgezeichneten Schriftsteller wird – und doch immer die Fremde der frühen Jahre spürt.
Es ist das Leben eines Suchenden, der in Zeilen zu Hause ist, der nicht aufhören kann zu schreiben – zusehends gegen die Geister der Zeit. Ein Wanderer, der fällt, wieder aufsteht und der in Grenzgängern Weggefährten findet, in Hölderlin, Schubert, Schumann, E.T.A. Hoffmann sowie den nahen »Verwandten« seiner Jugendbücher. Einer, der zeitlebens zum Kinde reift und den die große Liebe zu seiner Frau durchs Leben trägt.

Eindrücklich führt Detlef Berentzen diesen Lebensweg in einer fast filmischen Montage vor Augen. Die Erinnerungen enger Weggefährten, die unveröffentlichten Aufzeichnungen, Briefe, Fotografien, Zeitzeichen und Interviews werfen ein neues Licht auf Härtling. Diese vielschichtige, moderne Form des biographischen Erzählens bietet dem Leser Raum, das Werden und Wirken des Schriftstellers in seiner Zeit nachzuvollziehen. So ist ein biographisches Lesebuch entstanden, das nicht nur das Leben Peter Härtlings erzählt, sondern zugleich die politische und kulturelle Geschichte sowie ein Stück Literaturgeschichte der Bundesrepublik.

netzeitung.de

 

Es geht mir um Menschen,
die am Rande leben
Zeitgeschichtliche Materialien zu Leben und Werk
Peter Härtlings, gesammelt und moderiert von Detlef Berentzen

„Verlust und Fremde“, schreibt Detlef Berentzen, sind Grunderfahrungen in Leben und Werk Peter Härtlings. Das „biographische Lesebuch“ umfasst eine Fülle von Materialien über den in Nürtingen aufgewachsenen Schriftsteller: Literatur im Umfeld von Zeitgeschichte.

„Laufen lernen. Schwieriger Anfang. Er sucht Halt.“: So beginnt Detlef Berentzens 360-Seiten-Buch über Peter Härtling. Und das vorweg: der umfassende Materialienband ist mehr als ein „biographisches Lesebuch“ über des Schriftstellers Leben und Werk. Das Anliegen Berentzens, langjähriger Autor von „Psychologie Heute“ und zeitweise Ko-Geschäftsführer der „tageszeitung“, lotet tiefer. Der bei Kiepenheuer&Witsch erschienene Band spiegelt Härtling in der Zeit – Privates und Politik greifen eng ineinander.

Härtlings Schreiben, so heißt es, sei eine lebenslange Suchbewegung, gegründet auf „Verlust und Fremde“. Die Stationen in Kürze: 1933 in Chemnitz geboren, die Familie muss flüchten, der Vater stirbt im Kriegsgefangenenlager. Endstation der Flucht ist das fremde, schwäbische Nürtingen, die Mutter begeht 1946 Selbstmord. Die Kindheit wird zum „Movens“, zum Antrieb. Zum Beweggrund, der sich in mindestens zwei gegenseitig bedingende Befindlichkeiten weiterentwickelt.

„Diese Fremde ist ihm geblieben“, schreibt Berentzen über Härtling, „und mit ihr der Zorn ob des Zustands der Welt. Ein Zorn, dem er (nicht nur) schreibend oft genug Luft macht. Und doch ist da Wärme, die wärmende Hoffnung des Suchenden, der gefunden hat. Und wieder sucht. Gleich am nächsten Morgen.“ Berentzen, Jahrgang 1952 und damit knapp 20 Jahre jünger als Härtling, sieht in dieser psychologischen Grundkonstellation einen zentralen Dreh- und Angelpunkt. Doch das ambitionierte Lesebuch in 15 Kapiteln geht weit darüber hinaus: Eine Fülle von Dokumenten, Berichten und Statements fügt sich beim Lesen zusammen – zu einem komplizierten Wechselwirkungs-Geflecht aus Biographie, Schreiben und Zeitgeschichte. Thema sind auch die großen Bruchlinien, etwa 1973, als Härtling, damals Sprecher der Geschäftsleitung im Frankfurter Fischer-Verlag, ausstieg – seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller.

Regional interessant ist das Kapitel „Winterreise“ über ein Bühnenprojekt 1997. Härtling verwob darin die eigene Biografie, Schuberts Leben sowie die Universalerfahrung von Krieg und Fremdheit, inszeniert hat es der damalige Lindenhof-Regisseur Christoph Biermeier als bildermächtig-intensiven Theaterspaziergang – als Rundgang auf dem kalten Himmelberg. Die Alb, schrieb damals Peter Kümmel, „ist die größte aller Bühnen. Man ist verloren und geborgen zugleich...“

Otto Paul Burkhardt, Reutlinger Nachrichten/Südwestpresse, 19. September 2006

 

Das Leben eines Dichters, der die Fremde erfahren hat
Das biographische Peter-Härtling-Lesebuch: Mit "Vielleicht ein Narr wie ich" gelingt Detlef Berentzen ein großer Wurf

Nun ist es ein Buch geworden, das Leben des Schriftstellers Peter Härtling. Ein Buch aus fremder Feder. Selbst zurückgeschaut hatte er schon in seinen Erinnerungen Leben lernen. Das Wort " fremd " allerdings muss mit Blick auf die Autorenschaft des biographischen Lesebuchs "Vielleicht ein Narr wie ich" relativiert werden.

Der Berliner Autor Detlef Berentzen recherchierte drei Jahre für dieses Werk. Viele Gespräche führte er mit Härtling, dem Nürtinger Ehrenbürger, und dessen Frau Mechthild selbst. Und er begab sich auf Spurensuche, konsultierte Menschen, die Härtling begleiteten oder denen er auch nur begegnet ist. Dabei muss er dem Menschen und Schriftsteller natürlich nahe gekommen sein. Und so ist es wohl denn doch keine fremde Feder mehr, die die Früchte der sorgfältigen Arbeit auf 330 Seiten schriftlich fixierte.

Begonnen hat die Geschichte mit der Arbeit für ein Hörfunk-Feature zu Härtlings 70. Geburtstag. Berentzen, nicht nur Publizist auf schriftlichem Wege, sondern auch erfahrener Radio- und Fernsehmann, sammelte akribisch eine Fülle von Material. Zu viel für ein Feature. Diese Fülle verarbeitete er nun zur Biographie, die als Titel die erste Zeile von Härtlings erstem Gedicht trägt. Ein Gedicht übrigens, nach dessen Lektüre der Nürtinger Bildhauer und Maler Fritz Ruoff, Härtlings großer Freund, den jungen Mann mit den Worten Jetzt bist du ein Dichter adelte.

Berentzen ist nicht nur eine Biographie gelungen. Es ist keine statische Geschichte, die unbedingt verlangt, in einem Zuge gelesen zu werden. Tatsächlich im Wortsinne ist ihm ein biographisches Lesebuch gelungen. Ein Kaleidoskop. Berentzen machte aus der Vita des 72-jährigen Schriftstellers eine beinahe filmisch anmutende Montage, die mit verschiedenen Formen und Stilmitteln operiert.

Da ist zum einen der Haupttext, den Berentzen mit einer ihm ganz eigenen klaren, warmen und eleganten Schreibe verfasst. Eine Erzählung beinahe. Hinzu kommen Texte und Aussagen Härtlings. Und dann lässt Berentzen immer wieder Zeitzeugen und Begleiter Härtlings berichten. Auf seinen Reisen in die Heimaten des einstigen Vertriebenenjungen Peter Härtling, der nach dem Krieg in Nürtingen strandete, drang Berentzen in erstaunliche biographische Tiefen vor. Zum Beispiel in Hartmannsdorf, wo der Autor auf den Spuren des kleinen Peter auf den pensionierten Gymnasiallehrer Rudolf Müller traf, der sich als begeisterter Härtling-Chronist entpuppte. Oder im tschechischen Brünn und in Olmütz. In Zwettl. In Wien. Von seinen Reisen brachte Berentzen Fotografien mit. Bilder der Zeitzeugen, Bilder von Orten.

Und natürlich war Berentzen in Nürtingen. Drei der 15 Kapitel des Buches widmete Berentzen Härtlings Zeit in Nürtingen. Einfühlsame und doch prägnante Titel wählt er dafür. Da ist zum einen "Schwierige Heimat" , das Kapitel Nürtingen 1 sozusagen, das die Jahre 1946 bis 1953 beleuchtet. Es folgen "Wege finden" und "in zeilen zuhaus" . Auch in den Nürtinger Geschichten ist es frappierend, welche Dokumente und Bilder Berentzen aufgetan hat. Da finden sich Schulzeugnisse, Ausweise und andere Dokumente der Familie. Zeitungsausschnitte, die von Härtlings journalistischen Anfängen bei der Nürtinger Zeitung künden. In späteren Kapiteln werden es unter anderem auch Manuskriptseiten und Zeitungsartikel sein, Gedichte, Umschlagbilder der Erstausgaben seiner Romane, die Härtlings Werdegang dokumentieren.

Bunt ist die Schar der Nürtinger, die sprechen. Schulkameraden, Zeitungsleute von damals und heute und natürlich Hildegard Ruoff. Doch es ist nicht nur der persönliche Aspekt, der Berentzen umtrieb. Mit seiner Collagen-Technik wollte er vielmehr Härtlings Leben auch in den historischen Kontext stellen. In der kleinen Welt, in der großen Welt. Da ist nur exemplarisch erwähnt der Nürtinger Gemeinderat, der seine Kollegen und den Bürgermeister auf die Nöte der Vertriebenen in der Stadt aufmerksam macht.

Spannende Zeitzeichen

Und da ist das spannende Stilmittel der Zeitzeichen. Immer wieder blendet Berentzen kurze Zusammenfassungen historischer Ereignisse ein. Sie werden zusammengeführt mit Werken Härtlings aus jener Zeit oder Werken, in denen er auf diese Zeit zurückblickt. Da kann sich Bierernstes schon einmal mit Heiterem verbinden. Schlaglicht 1953. Das Zeitzeichen: Am 17. Juni rollen Panzer in Ostberlin gegen die Arbeiter. Ein Dokument: Die Nürtinger Zeitung berichtet über einen Ausflug auf den Hohenneuffen, zu dem eine örtliche Elektrofirma eingeladen hatte und im Zuge dessen man zum ersten Mal Fernsehen schaute. Härtlings Schaffen: In Auszügen aus seinem Roman Herzwand berichtet Härtling, wie er als Volontär mit seinen Redaktionskollegen im Café Zimmermann weilte.

Stets kann der Leser sehen und erfahren, was in anderen Welten zu dieser und jener Zeit geschah, als Härtling dies und das tat und schrieb. Schlaglichter auf eine bewegte Zeit. Ein Lesebuch orientiert an der Biographie des Dichters, das vieles von Deutschland erfahren lässt. Dass dies gelingt, ist der modernen Montagetechnik zu verdanken, der Berentzen völlig zu Recht eine einheitlichere und stringentere optische Anmutung seines Buches opferte.

Genau zeichnet Berentzen Härtlings Lebensweg nach. Es ist auch der politische Härtling, den der Leser präsentiert bekommt. Der Härtling, der im Berlin der 60er Jahre lebt und wirkt, neben den 68ern, nicht eins mit ihnen. Der Härtling, der im Wahlkontor unter anderem zusammen mit Günter Grass Stellung bezog für Willy Brandt. Der Härtling, der sich gegen atomare Rüstung und die Startbahn-West wendet.

Auch beim weiteren Weg ins Heute bleibt Berentzen dabei, das Leben des Dichters, sein Wirken, mit dem Geschehen in Welt und Republik zusammenzubringen. "Das alte Kind" heißt das letzte Kapitel. Es zeigt den Härtling, der Nürtinger Ehrenbürger wird. Es zeigt den Härtling, der mit körperlicher Hinfälligkeit zu kämpfen hat und sich doch nicht schonen möchte. Da ist der Härtling, der für sein Leben lernen nicht nur gute Kritiken bekommt. Ja, auch die Kritiker kommen zu Wort. Und freilich ist da nicht nur der historische Peter Härtling, verankert, verwurzelt in der Zeit. Sondern natürlich der Dichter, der Künstler. Berentzen schätzt nicht nur den Romancier. Er schätzt den Essayisten, den auch manchmal wütenden Lyriker. Und er schätzt den Kinderbuchautor Härtling. Dieses biographische Lesebuch erfasst eben alle Sphären und ist umfassend. So zeigt das biographische Lesebuch den Menschen und Dichter Härtling trefflich, dem es nach eigenem Bekunden beim Schreiben immer um Menschen ging, die am Rande leben, die die Fremde erfahren haben weil er diese Fremde selbst erfahren hat.

Andreas Warausch, Nürtinger Zeitung, 16. September 2006

 

Der Sog, der wach hält
Peter Härtling: Ein Porträt des Schriftstellers
im biografischen Lesebuch

Er war ungefähr sechzehn, als er die ersten Verse in ein Heft schrieb. Er kannte schon Trakl und Rilke und diesen kleinen, buckligen Mann, der vor Hitler nach London geflohen war, den sehr sanften und wundervollen Max Herrmann-Neiße, von dem andere noch nie gehört hatten. In seinem Kopf schwirrten Gedichtzeilen und Bilder von einem Dasein unter Büchern und Poeten. Er hatte, geboren 1933 und von den Schrecken des Krieges gezeichnet, früh Vater und Mutter verloren, unterdessen aber glücklicherweise einen Mann gefunden, einen Maler und Bildhauer, der ihn fürsorglich an die Hand nahm, mehr noch: der ihm das Gehen beibrachte, Bücher lieh, Angelus Silesius und die Oden Hölderlins ans Herz legte, der ihn zu Grieshaber mitnahm und in politische Gespräche verwickelte. Bei Fritz Ruoff holte er sich das Rüstzeug fürs Leben, und dieses Leben wurde dann tatsächlich so, wie er es sich, als er in Nürtingen noch der »verrückte Poet« war, ausgemalt hat. Es drehte sich um Literatur und ums Schreiben. Vor ein paar Jahren, im Erinnerungsbuch »Leben lernen», hat Peter Härtling alles selber berichtet: wie er eines Tages die Schule schmiss, sich in Zeitungsredaktionen tummelte, einen ersten Versband publizierte und bald darauf auch einen ersten Roman, wie er bei S. Fischer einstieg, Verlagsleiter wurde und den Posten wieder aufgab, weil ihm die Zeit zum Schreiben fehlte. »Er war ein Besessener«, sagt Werner Schoenicke, der damals alles aus nächster Nähe sah, ein junger Mann mit langem Arbeitstag, der nebenbei Artikel und Aufsätze schrieb und größere Projekte mit sich herumtrug. Die knappe Auskunft des ehemaligen Kollegen steht jetzt in der Mitte eines Bandes, der alles noch einmal von vorn erzählt, die ganze Geschichte des Peter Härtling von der Geburt in Chemnitz bis zum (vorläufig letzten) Buch »Die Lebenslinie», aber anders, neu, aus ständig wechselnder Perspektive.

Aus lauter Schnipseln – Äußerungen des Schriftstellers, Briefen, Erinnerungen, Kritiken, Interviews, Fotos – hat Detlef Berentzen ein großartiges, nuancenreiches Lesebuch komponiert, eine dokumentarische Biografie, die mit vielen Details überrascht, aber nicht nur gebannt auf den Autor und seine Unternehmungen blickt, sondern ebenso den Hintergrund dieser sieben Jahrzehnte beleuchtet, die politischen Vorgänge und literarischen Ereignisse. Härtling ist ja nie ein Mann gewesen, den es im stillen Kämmerlein hielt. Dazu hat er schon als Kind zu viel gesehen. Die Schrecken des Krieges, Trauma der frühen Jahre, blieben gegenwärtig, und je älter er wurde, umso sensibler und energischer reagierte er auf Gleichgültigkeit, Verdrängung und Intoleranz. Die Erbitterung über die fortdauernden Einflüsse der alten Nazis, meint Ulrich Renz, war bei ihm immer zu spüren, und er erzählt, wie sie beide vom selben Fahrlehrer, einem alten Nazi, unterrichtet wurden, der sie jedes Mal mit seiner braunen Gesinnung traktierte, bis Härtling die Nase voll hatte, den Motor abstellte, ausstieg und ging (und fortan nie wieder Anstalten machte, das Autofahren zu lernen).

Später, nun Redakteur in Westberlin, attackierte er die Politik Adenauers. Mit tiefem Unbehagen registrierte er in den sechziger Jahren, wie Hitler in den westdeutschen Medien wieder hoffähig wurde, er schrieb gegen den Vietnam-Krieg und war dabei, als das »Wahlkontor Deutscher Schriftsteller« gegründet wurde, um im Wahlkampf Willy Brandt zu unterstützen. Er war sich auch nicht zu schade (und hätte es vorher kaum für möglich gehalten), Reden für Fritz Erler zu schreiben, den Militärexperten der SPD. Rund zwanzig Jahre danach, im August 1985, hat er sich öffentlich und vehement »gegen den Erinnerungsverlust« gewehrt, »die Geschichtslosigkeit, gegen die am Tag haftenden, kleinmütigen Wörter der heute Herrschenden«. Härtlings Roman »Felix Guttmann«, der in jenen Wochen erschien, antwortete auf solchen Erinnerungsverlust mit der Geschichte eines Mannes, der, ein gebildeter Anwalt mit Zukunft, im Berlin der zwanziger Jahre lebt, fern von aller Politik und den Gewalttätigkeiten jener Tage, bis die Nazis es geschafft haben und er, der Beobachter, plötzlich erkennt, dass alle Reserviertheit tödlich enden kann. Da beginnt er, den Gefährdeten zu helfen, ehe er selber in letzter Minute nach Palästina entkommt.

Solche Geschichten hat Härtling immer wieder erzählt. Immer wieder geraten seine Figuren in die Mühlen der Zeitgeschichte, ob der charakterschwache Hubert Windisch, der den Krieg überlebt, aber dann an westdeutschen Realitäten scheitert, ob Walter Benjamin im Buch »Der Wanderer«, der sich auf der Flucht vor den Nazitruppen das Leben nimmt, oder Hölderlin, der an den gesellschaftlichen Zuständen zerbricht und im Wahnsinn endet. Das Werk, inzwischen in einer neunbändigen Ausgabe versammelt, ist so umfangreich, dass die Bibliografie am Ende des Lesebuchs über vier Seiten beansprucht: Kinderbücher, Gedichtbände, Romane, Erzählungen, Essays, Kritiken, Reden, Interviews, dazu eine Reihe von He-rausgaben. Ein enormer, bewundernswerter Fleiß. Härtling hat, vom ganz frühen Roman »Im Schein des Kometen« einmal abgesehen (den er selber für schwach hält, von dem er sich aber nie distanzierte), 1964 mit »Niembsch oder Der Stillstand« groß und eindrucksvoll begonnen, und er hat sein Niveau in all den Jahren souverän gehalten. Kritiker, oft selbstverliebt und ungerecht, haben manchmal gemault und gemäkelt, die Lesergemeinde aber liebt ihn aus gutem Grund. Er hat beizeiten einen Ton gefunden, »der die Menschen, die meine Bücher lesen, erregt, aufbringt, sie traurig macht, in Tränen versetzt. Solch einen Ton brauche ich, da bin ich tatsächlich Romantiker.«

Wie zur Bestätigung dieser Worte bringt das Lesebuch einen Brief, der wahrscheinlich für viele Briefe steht, die Härtling im Lauf der Zeit erreichten. Geschrieben hat ihn die Schauspielerin Lilli Palmer nach der Lektüre des »Hölderlin«: »Er hat mir in den letzten Wochen mehr zu denken und zu fühlen gegeben als irgendein Buch während der letzten Jahre, u. ich werde es wohl in diesem Leben nicht loswerden.« »Das Schreiben ist wie ein Sog, der mich wachhält.« Der Satz ist vier Jahre alt. Im November wird Härtling 73. Der Atem geht heute schwerer, die Treppen, die er zuweilen steigen muss, kommen ihm höher vor als früher, das Herz ist gefährdet, aber das Glas Wein lässt er sich nicht nehmen. Das Schreiben natürlich auch nicht. Seine Leser kann es nur freuen.

Klaus Bellin, Neues Deutschland, 11. September 2006

 

 

Lesenswert: "Vielleicht ein Narr wie ich"
Ein bewegtes Leben

Anlässlich von Peter Härtlings 70. Geburtstag im November 2003 recherchierte Detlef Berentzen für ein Hörfunk-Feature. Aus dieser Spurensuche ist nun ein umfangreiches biographisches Lesebuch geworden,
das im August beim Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen ist.
Drei Jahre war Berentzen unterwegs, um in Archiven nach Dokumenten zu suchen, um mit Weggefährten, Freunden,Kollegen zu sprechen und deren Erinnerungen festzuhalten. Er war unterwegs, um das Laufen
lernende Kind, das verführte Kind, das gebrannte Kind, zu suchen. Und natürlich hat er mit Peter Härtling selbst und
seiner Frau Mechthild viele Gespräche geführt. So ist eine Biographie entstanden, die ungewöhnlich ist und verdeutlicht, wie Härtling zu dem wurde, was er heute ist: der engagierte, warmherzige, unermüdlich
schreibende Mensch, der erfolgreiche Schriftsteller.

Schnittmusterbögen entstanden Bereits als 16-Jähriger schrieb er ein Gedicht, das mit folgenden Zeilen beginnt: "vielleicht ein narr wie ich/ narren sind sich immer gleich/ und wunderlich /und immer reich". In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Bücherpreises 2003 zitierte Härtling diese Zeilen und erklärte, dass das Gedicht„. . . die suchende Frage nach Menschen stellt, nach einem Miteinander, einem närrischenMiteinander, das nach Menschen fragt, die nicht aussind, nach solchen, die leiden können, die lachen können, glücklich sein können.
Dieses Gedicht fragt nach Menschen, die eine menschliche Sprache sprechen.“

Das Lesebuch enthält eine Fülle von Dokumenten, Zeitungsartikeln, Buchkritiken, Zeugnissen, Erinnerungen und Fotografien, von denen Härtling nicht wusste, dass sie existieren. Vor den jeweiligen Lebensabschnitten gibt Berentzen einen Blick auf die entsprechenden politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ereignisse.
So wird der Leser mithineingeführt in die Zeitabläufe, die Härtling begleiteten.

Zu Beginn des Jahres 1954 setzte Härtling sein bei der Nürtinger Zeitung begonnenes Volontariat bei der Heidenheimer Zeitung fort. Bevor er aber Beiträge für das Feuilleton schreiben durfte, musste sich
der junge Volontär mit den lokalen Tagesnachrichten auseinander setzen. Er, der lieber Gedichte schrieb, musste nun über den Wochenmarkt berichten, Reportagen und Polizeiberichte abfassen. Die Lyrik wurde ihm von den Redaktionsleitern „ausgetrieben“, wie sich Erwin Roth erinnert.

Mit knapp 21 Jahren wurde er bei der HZ Feuilleton-Redakteur und konnte nun über Dichter schreiben, zum Beispiel anlässlich Thomas Manns Tod, über den Friedenspreisträger Carl J. Burkhardt, Theaterkritiken
formulieren. Bei Erwin Roth, dem späteren Redaktionsleiter, und seiner Frau Nane fand der junge Mann so
etwas wie Heimat, Wärme und Rat, wie Erwin Roth dem Chronisten erzählte. Härtlings weitere Lebensstationen waren Stuttgart, Köln, Berlin. 1959 hat er seine Verlobte Mechthild, die ihr Psychologiestudium in Tübingen
beendet hatte, geheiratet.

In Berlin wurden die Kinder Fabian, Friederike und Clemens geboren. Es folgte der Umzug nach Frankfurt, wo Peter
Härtling zunächst Cheflektor des S. Fischer Verlags wurde, später war er dann als Verlagsleiter dort tätig. In Walldorf-Mörfelden wurde von dem renommierten Architekten Richard Neutra eine Siedlung gebaut; in einen dieser Bungalows zog die Familie Härtling, wo der Schriftsteller noch heute mit seiner Frau wohnt. „Das Haus ist mit mir alt geworden“, so drückte sich Härtling in einem seiner Gedichte aus. Er beendete seine Zeit bei S. Fischer, um als freier Autor „ins Offene zu gehen und sich nur noch dem Erzählen, dem Schreiben zu widmen. Die Kraft reicht
nicht mehr für beides“.

Zu den Romanen und Lyrikbänden entstanden nun Kinderbücher. Angeregt wurde er dazu durch seine inzwischen
vier Kinder (Sophie wurde geboren). Die Beobachtungen ihres Alltags, das Aufnehmen ihrer Fragen wurden zur Grundlage der Kinderbücher. Peter Bichsel, der zwei Jahre jüngere Freund und Schriftstellerkollege, hat recht, wenn er sich äußert: „Härtling holt sich die Figuren seiner Bücher nach Hause“.

In diesem umfassenden biographischen Lesebuch ist Härtling als genau beobachtender, verwundbarer, sensibler
Mensch und Dichter spürbar. Dem Spurensucher Berentzen ist es eindrücklich gelungen das zu vermitteln. Dabei sieht man ihm nach, dass er Schloss Hellenstein zum „Hellenberg“ macht. Schade ist, dass der namhafte Verlag manche der Originaldokumente so klein abdruckte, dass sie nur schwer lesbar sind. Aber dies tut dem
Gesamteindruck über diese Biographie keinen Abbruch. Sie ist lesenswert und regt an, Härtlings Bücher neu zu entdecken.

Gertrud Schädler, Heidenheimer Zeitung, 9. September 2006

 

Auf der Suche nach den Stimmen der anderen

Berlin am Rande des Tiergartens. Der Sommer lässt den Menschen, die trotz Ferien in der Bundeshauptstadt blieben, Zeit zum Luftholen. Die Hitze macht Urlaub. Eine Zigarette, ein Cappuccino. Detlef Berentzen sitzt gerne an den Tischen vor der Akademie der Künste. Draußen frische Luft, drinnen nicht der Mief von tausend Jahren unter den Talaren aber doch der Duft nach Papier, bedrucktem Papier. Ein Bild von Peter Härtling hat er im Archiv des Baus in der Hanseatenstraße abgegeben. Die Biographie des Schriftstellers hat der Autor vollendet. Er holt die Korrekturfahne aus der alten Kollegmappe. Am 24. August wird das Buch unter dem Titel Vielleicht ein Narr wie ich erscheinen. Bei Kiepenheuer und Witsch. Und am 11. September wird er zusammen mit Härtling in der Akademie Buchpremiere feiern. Mit einer ganz besonderen Lesung, die am 17. November auch in Nürtingen zu sehen und hören sein wird.

Wer sich in Berlin die Wege Peter Härtlings macht, kommt an der Akademie nicht vorbei. Von 1984 bis ins Frühjahr war er Direktor der Abteilung Literatur. Seit 1967 ist er Mitglied. Hier war er glücklich, hier hat er disputiert, hat gehört, hat Menschen getroffen, sagt Berentzen. In den Räumen im hinteren Bereich hat er manchmal gewohnt. In Leben lernen, seinen gedruckten Erinnerungen, hat Härtling die Akademie sein Berliner Zuhause genannt. Ach ja. Leben lernen: Auch diese Premiere feierte der Nürtinger Ehrenbürger hier.

In seiner Biographie erzählt Berentzen auch Härtlings Berliner Geschichte(n). Er kennt die Schauplätze, kann sie zeigen. In der Schorlemer Allee, auf deren Mittelstreifen er spazierend dachte und diskutierte, arbeitete Härtling für die Zeitschrift Der Monat. Da schrieben auch Thomas Mann, George Orwell oder Max Frisch für. Melvin J. Lasky hatte die Zeitschrift gegründet. Dass der CIA zur Finanzierung beitrug, erfuhr man erst später.

Von der Villa in Dahlem folgt Berentzen Härtlings Weg in dessen Kiez. Goethestraße 31 in Lichterfelde-Ost. Hier lebte der Dichter einige Jahre in den Sechzigern. Die Familie wuchs dort auf fünf Mitglieder an. Damals sah man die Härtlings hier noch spazieren. Und eines Tages sah man ihn auch in der Niedstraße in Friedenau in das Haus mit der Nummer 13 gehen. Es gehörte Günther Grass. Der spätere Nobelpreisträger gewann Härtling dafür, für das Wahlkontor zu arbeiten. Die Intellektuellen wollten Willy Brandt 1965 zum Wahlsieg verhelfen. Vergeblich.

Bei Habel im Roseneck ist es 18 Uhr vorbei. Ein Glas Weißwein in der Traditionskneipe ist nun genehm, genehmigt und in Härtlings Sinne. Biograph Berentzen erzählt Geschichten dazu. Auch hier traf man Härtling einst an, beim Mittwochsstammtisch, hinterm Haus im Garten mit den hohen Bäumen. In illustrer Runde. Geladene Gäste traten hinzu. George Grosz zum Beispiel. Oder auch Ernst Bloch. Hier floss mancher Tropfen und auch Gedanke. Wasser hingegen floss manchmal bei Regen in den Buchhändlerkeller in der Nähe des Bundesecks. Dort las Härtling einst aus seinem preisgekrönten Niembsch.

Drei Jahre harte Arbeit

Berentzen kennt diese Geschichten. Ja. Drei Jahre hat er an der Biographie gearbeitet. Ein Hörfunk-Feature zum 70. Geburtstag des Schriftstellers 2003 war der Einstieg. Berentzen, Autor auch für Radio und Fernsehen, hatte dafür so viel Material angehäuft, dass die Idee einer Biographie gedieh. Verlag und der zu Biographierende waren einverstanden. Doch das ist nicht die ganze Geschichte der Intention. Wer tiefer schürft, trifft auf eine Seelenverwandtschaft. Berentzens Biographie selbst ist der Schlüssel. Härtling kam als vertriebener Bub nach dem Zweiten Weltkrieg nach Nürtingen. Der Krieg kostete ihn die Eltern. Wenn er als Vertreter der Generation der Kriegskinder gilt, dann vertritt Berentzen die Generation der Nachkriegskinder. Der Vater vom Krieg traumatisiert. Alkohol. Gewalt. Auch die Mutter zerstört. Der Sohn, 1952 geboren, leidet unter der Sprachlosigkeit und Prügeln. Leidet unter den delegierten Schmerzen der Eltern. Weg von Bielefeld.

Sein Aufbruch anfangs der 70er-Jahre führt zur Tante nach Berlin. Das war die Stadt der Vaterlosen, sagt Berentzen. Hier konnten sie atmen, sprechen, leben. APO, 68er, die Kommunen. Hier fanden sie ihre Heimat, ihre Ersatzfamilie. Berentzen hat schon in seinem Roman Hermann trefflich darüber geschrieben.

In den 80er-Jahren war Berentzen Mitglied der Redaktion und der Geschäftsführung der taz. Für die tageszeitung beackerte er das Feld Jugend und Bildung. Klar, hier stößt er auf Härtling, dessen Kinder- und Jugendbücher Furore machen, in denen oft Autobiographisches einfloss. Schon immer trieb Berentzen diese biographische Frage um: Warum werden Menschen, so wie sie sind?.

Härtling ist der Mensch, der am Schmerz nicht scheitert., weil er liest, weil er schreibt. Er brach das Schweigen, sagt Berentzen. Das fasziniert ihn. Die Seelenverwandtschaft geht indes über die Generationen hinweg. Und über differierende Einstellungen. Es ist die Anerkennung, die dem Anerkennenden gebührt, die beide empfinden. Härtling bewahrte Distanz zu den 68ern. Er wollte das System reformieren, nicht es abschaffen. Er wollte bei den Regeln bleiben. Gewalt ist ihm zuwider. Berentzen, der Mann aus der Szene, schildert, wie Härtling immer von den jungen Herren spricht. Den jungen Herren, die Revolution machen wollen. Die aber mit der Literatur zu wenig anfangen können. Es ist ihm suspekt. Härtling blieb liberal. Protestiert wie ein Literat.

Peter Härtling hat sich zuerst gegen das Wolkenkuckucksheim und für die Realpolitik entschieden, sagt der Biograph. Aufbrechen mit Brandt. Ja. Und dennoch kündigt er ihm Ende der Siebziger die Gefolgschaft. Er schrieb den Hölderlin und ging damit zu den Melchingern. Seinen Theaterfreunden. Einst eine Kommune auf der Alb. Vielleicht wäre der jüngere Härtling dort geblieben? Erst die Kinder sind es, sagt Berentzen, die Härtling zum Protest auf die Straße bringen. Mutlangen. Startbahn West. Ja, in Härtling ist auch Zorn, ist auch Wut. Berentzen lächelt. Eben jenen Zorn finde man in der Lyrik Härtlings. In der Kapuzinergruft zum Beispiel gehts gegen Kritiker. Ohne seine Lyrik verstehe man Härtling nicht. Und ohne seine Essays, verborgen in Zeitschriften und in dicken Bänden gesammelter Werke, auch nicht.

Der Lyriker und der Essayist Härtling ist dem Biographen Berentzen wichtig. Aber auch der Romancier. Im autobiographischen Werk bleibe Härtling auf Distanz. Im biographischen Werk ob Hölderlin, Schumann, Schubert geht er näher ran, gibt er mehr von sich selbst preis. Berentzen: In den Figuren tobt er sich aus. Da kommt das Kind wieder. Mit seinen Verletzungen, seinen Narben. Es fordert sein Recht. Bleibt in Härtling. Hat viel zu erzählen. Auch in der Lyrik. Härtling selbst lässt es auch in der Berentzen-Biographie zu Wort kommen.

Härtling und das alte Kind in ihm. Eine wichtige Metapher. Und zugleich wieder die Bindung, die Parallele zwischen Biograph und zu Biographierendem: Die Erfahrung von Verrat, von Schmerz. Es gab sehr berührende Gespräche, schaut Berentzen auf die vergangenen drei Jahre zurück, in denen er oft mit Härtling zusammentraf. Momente, in denen die Bandmaschine erst einmal ausgeschaltet wurde. Momente aber auch, in denen Berentzen Furcht empfand ob Härtlings körperlicher Hinfälligkeit. Die CD In a Silent Way der trompetenden Jazzlegende Miles Davis ist übrigens der Soundtrack der Gespräche.

Es gibt also Nähe. Und dennoch begab sich Berentzen bei seiner Arbeit auch in die Distanz. Härtling lieferte seine Erinnerungen bereits. Berentzen begab sich hingegen auch auf die Suche nach den Stimmen der anderen. Und er fand sie. Überall. Hartmannsdorf, Olmütz, Brünn, Zwettl. Er sprach mit Schulkameraden. Mit Zeitzeugen. Im Buch haben sie alle ein bildliches Gesicht. Sie sind Zeugen von Berentzens Tour, die er nach der Arbeit für das glänzende Hörfunk-Feature zum zweiten Mal unternahm. Akribisch. Detektivisch. Er fand Bilder, Dokumente, Zeitungsausschnitte. Auch daheim, in Härtlings Archiv, in seinem Kästchen. Es werden auch Bilder zu sehen sein, die man noch nie sah. Sogar eine Plastik, die Härtling als Freund des Malers und Bildhauers Fritz Ruoff schuf, ist zu sehen. Härtlings Venus nennt sie Berentzen. Und auch die Originalumschläge der Erstausgaben werden zu sehen sein.

Der Nürtinger Zeit widmet Berentzen drei Kapitel. Über 60 Jahre. Schwierige Heimat, Wege finden, in zeilen zuhaus. Christian Phleps, Ingeborg Ningel, natürlich Hildegard Ruoff sprechen unter anderem. Das Buch wird ein Kleinod für die, die den Menschen und den Schriftsteller Peter Härtling schätzen.

Eine filmische Erzählweise

Aber nicht nur für die eingeschworene Härtling-Gemeinde ist dieses Buch. Es ist eine moderne Erzählweise, die den Filmer Berentzen erkennen lässt. Kommentare, Texte, Bilder. Interviews, lyrische Texte. Es ist eine Montage, die beinahe an einen Film erinnert, die Berentzen da vorlegen wird. Es wird moderiert. Die Erzählenden werden eingeführt, dann überlässt ihnen Berentzen das Feld. Es wird nicht nur referiert. Das Denken und Fühlen des Lesers kann zwischen die Fragmente fließen.

Hörfunk, Film, Schreiben weil Berentzen in allen Metiers zu Hause ist, konnte er diese für ihn ideale Erzählweise entwickeln und sie mit dem spannenden Stilmittel der Zeitzeichen bereichern: Berentzen blendet historische Ereignisse ein der Leser kann sehen, was Härtling zur gleichen Zeit tat, was ihm widerfuhr. Und was in der Republik, auf der Welt geschah. Und später, ob er sich zu den Geschehnissen äußerte. Und wie er sich äußerte.

Deutsche Geschichte(n) in einer nachgerade kompositorischen Montage erzählt. Das komplette Buch ist durch meinen Kopf gegangen, sagt Berentzen. Da verwundert es auch nicht, dass der Autor auch für die Buchpremiere ausgetrampelte Wege verlassen wird. Berentzen schrieb zwei Rollen für das Live-Feature mit Werkstattcharakter. Für sich und für Peter Härtling. Im Hintergrund wird es Bilder geben. Und Musik mit dem Saxofonisten Joachim Gies. Schön, dass diese Lebensspur nicht nur in der Hauptstadt Berlin bleiben wird, sondern auch nach Nürtingen führt und die Stadt für eine Weile zur (Härtling-)Hauptstadt machen wird.

Andreas Warausch, Nürtinger Zeitung, 5. August 2006


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Herzlichen Glückwunsch und Dank Ihnen für dieses Prachtstück! Für mich als alten Härtling-Fan ist das eine wunderbare Sache: sammelnd, zusammenfassend, erinnernd, bewertend, dazu Kommentare von Menschen, die Härtling wirklich kennen, ihn begreifen, verstehen. So ein Kompendium wäre auch zu manch anderem Autor wünschenswert - eine Hilfe für uns Leser! (A.E., Leinfelden-Echterdingen)