Erzählung, Pendragon, Bielefeld 2004

Joern Schlund (1934-2017)

SCHLUND. Ich nenne ihn schon lange so. Seit wann genau weiß ich nicht mehr. Sagen wir, es war an einem Dienstag: „Schlund“, sagte ich. „Hör bloß auf!“, antwortete er. Da war er schon Brillenträger. Er trug Brillen mit rosafarbenen, aber auch solche mit schwarzen, blauen, grünen, braunen Gläsern. Runde Brillen, meistens. Manchmal trug er auch gar keine, weil er sie verlegt hatte und sich gerade keine Ersatzbrille leisten konnte. Ich glaube aber, er hatte schon eine Brille auf der Nase, als von Fielmann noch gar keine Rede war ... obwohl das heute kaum vorstellbar scheint.

Ob mit oder ohne Brille, er spielt für mich die Schwester, manchmal. Dann fehlt ihm nur noch der Lippenstift. Macht aber nichts, solange er mir nicht die Mutter macht. Dafür macht er mir oft genug den Vater, den Bruder, auch den Sohn. Oder ich ihm. All das.
Wie das so ist bei bedürftigen Vollwaisen.

Oder er ist, da mag ich ihn besonders, mein Schwarzmaler im finsteren Rollkragenpullover. Mit verschränkten Armen steht er dann vor der Staffelei und macht einen auf wichtig. Steht inmitten seiner Aquarellfarben und schaut bitter ernst. Natürlich nur für die Kamera, das Foto könnte schließlich in die Zeitung kommen, erhalten bleiben für die Welt nach ihm und manchmal grübelt er ja auch schon über seinem enormen Nachlaß, will Ordnung schaffen, mit allem ein Ende machen, doch dann kommt ihm wieder ein Sonnenstrahl in die Quere und er lacht, ach, was heißt schon lachen, nein, er wiehert, wenn es ihm kommt, mächtig vom Zwerchfell hoch, bis zwischen die Backen, die werden aufgeblasen und dann explodiert der ganze alte Mann, der ein Maler war, ist, sein wird, immer wieder sein möchte und doch mehr ist als das. Manchmal auch weniger.

Außerdem ist er ohne Fernseher aufgewachsen, was sicherlich kein Unglück ist. Er war in einer Zeit Kind, als Kienzle deutschen Klang für deutsche Uhren produzierte und im Volksempfänger mit schwülstigen Sprüchen für die Liebe zur deutschen Heimat warb. Da war er ein deutsches Kind.

Und ist im Grunde immer noch Kind. Heute erst recht. Weil es eben bei all dem „Heil!“ und mit gestrecktem Arm so verdammt schwer war, Kind zu sein. Und überhaupt, weil man zum Kinde doch erst reifen muß. Schon als Kind hätte er lieber gemalt. Auch heute noch würde er lieber malen. Denn meistens ist da all das Andere. Das stellt sich ihm in den Weg: Das Leben. Das Überleben. Trotzdem, seine ganze kleine Wohnung ist vollgestellt mit Leinwänden, auf die Tische, Stühle, Spielzeuge, Dreifaltigkeiten, Blätter, Kreuze, Frauen, Roller, Hosen, Schuhe gemalt sind. Eben alles, was man so braucht.

Vielleicht ist er manchmal ein gebrauchter Maler, auf alle Fälle aber ist er ein vielfach gebrauchter Freund - er hat viele Freunde, die ihm durch die Jahre halfen. Und er ihnen. Und er ist ein gebrauchter Vater und Ehemann. Immer, wenn sie das wie einen Stich tief im Herzen spürt, nimmt seine viel zu große Frau, nennen wir sie Hilde, den Kleinen, er ist wirklich kurz geraten, in die starken Arme und sagt liebevoll: „Altes Schwein!“ zu ihm. Zumindest würde er das gern hören, weil er den alten Erich Fried immer noch mitten im Herzen trägt. Für den und mit dem hat er nämlich auch schon Zeichen aufs Papier gesetzt. Damals in London. Als der Fried noch lebte und der Schlund noch rauchte. Heutzutage rauchen Schlunds wie er nicht mehr, nie mehr, nur noch ab und zu und nur noch die eine, die letzte. Schlunds gehören zu einer Spezies, an der das wilde Leben hängt und nie mehr losläßt. Hoffe ich jedenfalls.

Ich würde Ihnen also gern einen dieser Schlunds vorstellen. Einen, der immer lieber malen wollte. Der Bilder braucht. Bilder, die atmen. Bilder, um zu atmen. Ich habe versucht, ihm all die Jahre zuzuhören, in Kneipen, Zugabteilen, Theaterfoyers, Kirchen, Schulen, Krankenhäusern, Männerpissoirs, in das immer älter werdende Gesicht dieses genialen Kindes geschaut, von einem Leben erfahren, das endlich erzählt sein will, das rekonstruiert, auch neu erfunden sein will.

„Mach Dir meine Erinnerungen selber. Aber so, daß die Funken sprühen“, lacht er, wirft noch ein paar letzte Fakten auf den Tisch und muß dann schon wieder weiter. Also erfinde ich mir meinen Schlund. Auch. Denn so ein Schlund ist immer unterwegs. Man erfährt längst nicht alles von ihm. Und spürt doch, was ihn bewegt. Schließlich sind da seine Bilder, die Zeichnungen, die Bücher, die Materialien. Die erzählen. Von einem Leben, in dem einer suchte, sucht und manchmal auch fand, immer noch findet. Auch Farben. Auch.

Keine der dekorierten Größen aus den sauerstoffarmen Höhenlagen der Feuilletonkritik ist er, kein ständiger Talk of the town, sondern einer, der durch dunkle Täler schreitet, lichte Höhen erklimmt, der fällt und wieder aufsteht, ein Macher, der sich aufbläst, dann wieder Luft abläßt, ein kleingeratener alter Wilder. Einer, zu dem wir Du sagen könnten.
Wenn wir ihn näher kennengelernt haben. (Prolog)

 


Jongleur der Sprache

Biberach gab er den Vorzug vor Berlin. Der in beiden Orten ansässige Autor Detlef Berentzen legte bewusst die Premiere seines Buches „Warum Schlund lieber malen würde“ ins „Agenturhaus“ und präsentierte es, beschwingt gerahmt vom Gitarrenduo „Adickes&Zoufal“, in der gut besuchten Sonntagsmatinée seiner Lesung.

Das Besondere: die literarische Figur war anwesend. Schlund, Vorname Joern, bestätigte „realexistierend“ seine literarische Fiktion. Das hatte was.Der ewig junge „Alte Wilde“, siebzigjähriges Exemplar eines human gelebten Anarchismus Bakuninscher Prägung – gebürtiger Dresdner, Buchdrucker, Grafiker, Maler, Kreativpädagoge, Filmer, Bühnenausstatter, Autor – lebt in Münster. Ausgerechnet dort, im „gescheiterten katholischen Weimar“ (Originalzitat). Aber die Provinz, der strategische Punkt außerhalb des Metropolgetriebes, ist frei nach Archimedes ein vorzüglicher Ort, die Welt zumindest zu bewegen. Das will Berentzen mit Schlund gemeinsam.

 

Als Erzähler und auktorialer Vorleser umkreist der Autor seine Titelgestalt humorig flott bis burschikos. Er ist mit ihr auf gleicher Höhe und spiegelt mit seinen oft flapsigen Apercus mühelos Zeitgeschichte ein. Das macht er virtuos und gekonnt. Der Text sitzt, ist hieb- und stichfest. Und er platzt mit unverhofft schnellen Seitenschüssen seiner Assoziationen und frechen Kurzkommentaren aus der Haut.

Ein Jongleur der Sprache, der seine spielerischen Möglichkeiten voll ausreizt – ebenso wie Schlund, der sein Kunst und Kulturdasein mit „Licht, Witz und Grütze“ jederzeit würzt. Berentzen swingte seine Texte bravourös aus. Wer wen mehr inspirierte, die Band den Vorleser oder umgekehrt, blieb eine müßige Frage. Eine Lust war’s rundum. Berlin und Biberach auf gleicher Höhe?

Wolfgang Veit, Schwäbische Zeitung, 15. Juni 2004

 

Schlund

Im Agenturhaus Biberach gab es mal wieder eine Matinée. Detlef Berentzen stellte nicht nur sein soeben erschienenes Buch "Warum Schlund lieber malen würde" vor, sondern auch das porträtierte Multitalent Joern Schlund. Gut zwanzig Besucher fanden sich zu diesem literatischen und musikalischen Genuss in der Viehmarktstraße 1 ein. Berentzen musizierte nicht selbst, das überließ er klugerweise dem Acoustic Gitarren Duo Peter Zoufal und Mike Adickes. Immer wieder schön zu erleben, wie der Radiomann Berentzen neunzig Minuten gekonnt füllen kann.

Dierk Andresen, weberberg.de

 

Brisk im Haar

Überschaubar war die Zahl der Besucher, die am Freitag zu Detlef Berentzens Lesung mit Musik in die Stadtbibliothek kam: Der "Gütersloher Sommer" klang aus, die Bürger nutzten lieber den möglicherweise letzten lauen Sommerabend im heimischen Garten. Ob sie etwas verpasst haben? Aber sicher doch: einen besonderen Abend mit einem besonderen Bezug zur Region. Detlef Berentzen ist gebürtiger Bielefelder, die Titelfigur seiner Erzählung "Warum Schlund lieber malen würde" hat es nach einem bunten Leben durch die Republik nach Münster verschlagen.

In "Schlund" entwirft der Autor in vielen, oft amüsanten Episoden das Bild eines Suchenden. Er skizziert einen eigensinnigen, kleinen Mann, der Brillen mit rosafarbenen, aber auch solche mit schwarzen, blauen, grünen Gläsern trägt und zu dem der "Leaving Blues" von Johnny Winter so vorzüglich paßt.

Berentzens "Held" ist in einer Ära ohne Fernseher aufgewachsen: In einer Zeit der schwarzen Schaftstiefel und akuraten Scheitel, wo noch im Volksempfänger mit schwülstigen Sprüchen für die Liebe zur deutschen Heimat geworben wurde. Ein buntes Leben mit vielen Kapiteln über einen alten Wilden, der nicht mehr raus aus den Farben will. Das alles ist humorvoll flott geschrieben und wird vom Autor mit einem Augenzwinkern souverän vorgetragen.

"Hermann", Protagonist in Detlef Berentzens erstem Roman, verkörpert die Nachkriegsgeneration. In eine Kleinbürgerfamilie hinein geboren - der Vater ist Alkoholiker, raucht am liebsten Ernte 23 und hat Brisk in den Haaren -, wird er durch Gewalt in Schule und Elternhaus geprägt. "Ihm wird der Buckel blau gemacht", heißt es lapidar wie beim Plumpssackspiel. Als Student in Berlin zieht Hermann dann durch die WG's, will aber keine Steine werfen. Er träumt lieber - zur Musik von Bob Dylan.

Der 1952 geborene Schriftssteller webt gekonnt Erlebtes und Zeitgeschichte ein, macht das Lebensgefühl einer Generation deutlich, indem er seinen "Simplicissimus" durch die fünf Nachkriegsjahrzehnte wandern läßt. Lieder wie "Max, wenn Du den Tango tanzt" oder der Schlager "Schuld war nur der Bossanova" sorgten auch am Freitag bei den Mittfünfzigern für ein nostalgisches Lächeln.

Ulrike Poetter, Die Glocke, 14. September 2004